Zur Theorie ästhetischer Eigenzeiten

Eine Konferenz an der Universität Leipzig, 15. und 16. November, 2018

Zum Thema

Der Workshop ist für einen Zeitpunkt geplant, an dem das Schwerpunktprogramm fast 5 Jahre gelaufen sein und bereits eine Fülle an sichtbaren Erträgen gebracht haben wird. Das zeigt die schon jetzt beachtliche Zahl an Publikationen. Da dies aber mehrheitlich, wie es in der Logik der Sache liegt, projektbezogene historische Arbeiten sind, erscheint es uns geboten, nicht zuletzt im unmittelbaren Anschluß an diese Studien, die Frage nach der Spezifik „ästhetischer Eigenzeiten“ noch einmal grundsätzlich in systematischer Hinsicht aufzurollen und die von uns ursprünglich eingeführten Kategorien von Zeitformen (Latenzzeit, Werkzeit, Rezeptionszeit, Performierte Zeit) und deren Relationen (Beschleunigung, Entschleunigung, Chronie, Achronie, Metachronie, Chronotope) weiter auszudifferenzieren und ggf. um andere Kategorien zu ergänzen. Zudem wäre der Begriff der „ästhetischen Eigenzeiten“ dahingehend zu befragen, ob und in welchem Maße die spezifischen Zeitformen künstlerischer Werke die den Artefakte eigenen Qualitäten bezeichnen können und ob sich damit wiederum ein Zugewinn an Erkenntnissen erzielen läßt. 

Zwei Komplexe verdienen hier besondere Aufmerksamkeit:

1. Eine genaue Anamnese des Verhältnisses von Temporalität des Werkes und rezeptionsästhetischer Temporalität des Werkes.  

Erstere lässt sich auf den ersten Blick einfacher bestimmen: z.B.: Werkzeit, dargestellte Zeit, Eigenzeitlichkeit (Alterungsprozesse, Restaurierungen, Neuauflagen) in allen Varianten, etwa die Inszenierung von Zeitlichkeit auf der Objektebene und der damit verbundenen Frage nach Zeit als Sinn etc. 

Die rezeptionsästhetische Temporalität des Werkes stellt die Frage nach dem Verhältnis von Subjekt und Werk. Dieses ist von der subjektiven Zeitwahrnehmung des Rezipienten zu trennen. Das weit dimensionierte Feld ist in den verschiedenen Disziplinen ganz unterschiedlich intensiv erforscht, wobei die Literaturwissenschaft auf eine längere und intensiver geführte Debatte verweisen kann. Die Kunstgeschichte liefert einige Grundlagen (Pochat, Frey, Gombrich, Boehm, Theissing, Arnheim, Imdahl etc.), wobei der Fokus hauptsächlich auf einer gestalttheoretischen Bildauffassung liegt, die sich mit der Frage nach der Lesbarkeit des Bildes verbindet. Gerade im Austausch mit Literatur- und Musikwissenschaft wären Fragen zum Verhältnis von Wissens- und Wahrnehmungskategorien eine lohnende Aufgabe (Stichwort: das implizite Werk). Für die Kunstgeschichte erweist sich „Bewegung“ als eine zentrale Schnittstelle zwischen Betrachter und Bild. Dabei zeigt sich nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch der hermeneutische Akt als ein vieldeutiger Prozess zeitlicher Phänome. 

Für Literatur, Tanz, Musik und bildende Kunst gleichermaßen bedeutend ist das Verhältnis von Produktions- zu Rezeptionsprozessen. Hier lässt sich seit dem frühen 19. Jahrhundert im Medium des Bildes ein fundamentaler Wandel feststellen. Diese gegenseitige Bezugnahme ist ausgehend von den Landschaftsskizzen über die Auseinandersetzung mit dem „rein Malerischen“ und die Darstellungstechniken der klassischen Moderne (Cézanne, Matisse etc.) auch für die Kunst des 20.- und 21. Jahrhunderts konstitutiv.

Die Erfassung der Zeitstrukturen von Werk und Wahrnehmung in ihren spezifischen Ausformungen und in ihren noch genauer zu bestimmenden Wechselwirkungen könnte den Begriff der ästhetischen Eigenzeiten stärker profilieren.

2. Der Begriff der ästhetischen Eigenzeiten lässt sich als ein komplexes System der verschiedenen o.g. Zeitformen (Werkzeit, Latenzzeit, etc.) als eine Konstellationsleistung ganz unterschiedlicher Zeit-Pluralitäten erfassen. Im Antrag hieß es dazu: „Eigenzeitlich sind diese Objekte jedoch nicht aus sich selbst heraus, vielmehr sind sie eigenzeitlich, weil sie sich, ob affirmativ oder negierend, in eigensinniger Weise auf Prozesse der Synchronisierung beziehen. Die globalen Tendenzen einer Relationierung aller Zeitordnungen sind zugleich die Voraussetzung und der Motor von ‚Eigenzeiten‘ (Nowotny 1989, 13 f.). Denn in dieser Weise werden abweichende Zeitlichkeiten korrelierbar und damit integrierbar, was innerhalb und außerhalb der synchronisierbaren Ordnung neue Formen der Individualisierung und Pluralisierung ermöglicht. ‚Eigenzeiten‘ sind so als Effekte des Normalismus (Link 1998) mit allen dadurch gebotenen Möglichkeiten der Varianz und Denormalisierung zu fassen, wobei die denormalisierenden Elemente als ‚Gegenzeiten‘ verstehbar werden. Sie werden sich aber auch als Effekte einer neu implementierten globalen Zeitordnung der Moderne wahrnehmbar, als serielle Versatzstücke („Module“) einer transnationalen Imagination, die das politische Denken in globalen Zusammenhängen allererst ermöglicht (Anderson 1991).“

Hier wäre ein zentraler Ansatzpunkt:  Komplexe Systeme generieren qualitative Veränderungen in der Zeitwahrnehmung und legitimieren damit den Begriff der Eigenzeiten. Auf diese Komplexität und Pluralität von Zeitwahrnehmung in gesellschaftlichen Prozessen wirken vice versa auch die Artefakte. Deshalb wäre zu prüfen, inwieweit die Forschungen etwa von Helga Nowotny eine Grundlage auch für die Auseinandersetzung mit Zeitphänomenen in den Künsten bieten. Gerade für die Legitimierung des Begriffs Ä.E. spielen sukzessive und simultane Vielheiten im Prozess des Erkenntnisgewinns und der Sinnimplikation eine große Rolle. Die Eigenzeiten unterliegen einer ständigen Neuformierung, denn die zeitliche Distanz zwischen Werk und Subjekt ist einem permanenten Wandel unterworfen. Die Gegenwärtigkeit der Betrachtung impliziert einen linearen und ununterbrochenen Zeitverlauf. Diese scheinbar banale Erkenntnis hat aber weitreichende Konsequenzen, die es genauer zu untersuchen gilt. Sowohl die Temporalität des Werks wie auch die rezeptionsästhetische Temporalität lassen sich nur vom Standpunkt der unmittelbaren Gegenwart fixieren. Zeitstrukturen und Gegenwartsbewußtsein sind nach Merleau-Ponty fundamentale Bedingungen der Wahrnehmung. Sein Begriff „Chiasmus der Zeit“ bringt es mit sich, dass die Gegenwart sich in der Vergangenheit, die Vergangenheit sich in der Gegenwart wiederfindet. Diese Denkfigur eines ambiguen Geflechts von Vor- und Rückgriffen geht von einem ständig in Bewegung befindlichen System von Sinnschöpfung aus. Solche Orts- und Zeitverschiebungen (Waldenfels) lassen sich gerade für die Künste vielfach nachweisen, sie sind geradezu konstitutiv für ästhetische Erfahrungen. 

Der Begriff der Ä.E. könnte also nicht nur als eine Summe von Einzelphänomenen erschlossen werden, sondern im Rahmen einer Konstellationsforschung plurale Zeitordnungen in ihren wechselseitigen Bedingtheiten  untersuchen.

Programm

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Ort:

Universität Leipzig

Termin:

15. und 16. November, 2018

Kontakt:

dirk.oschmann[at]uni leipzig.de

Teilnehmer:

PD Dr. Boris Gibhardt (FU Berlin)

Prof. Dr. James Conant (University of Chicago)

Prof. Dr. Daniel Fulda (Universität Halle)

Prof. Dr. Johannes Grave (Universität Bielefeld)

Dr. Helmut Hühn (Universität Jena)

Prof. Dr. Dirk Oschmann (Universität Leipzig)

Prof. Dr. Gerhard Richter (Brown University) 

Prof. Dr. Sabine Schneider (Universität Zürich)

Prof. Dr. Ralf Simon (Universität Basel)

Prof. Dr. David Wellbery (University of Chicago)

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