ÜBERFORDERUNG DER FORM -- Erkundung einer neuen Fragestellung in der Theorie der Dichtung und in der interpretatorischen Praxis.

Tagung des Instituts für Germanistik der Universität Leipzig (Abteilung Literaturwissenschaft) und des Department of German der University of Chicago -- An der Universität Leipzig -- 23. - 24. 10. 2021

TAGUNGSPLAN

Samstag, 23. Oktober

 

09.00 Uhr Begrüßung und Einführung (David Wellbery, Jan Urbich)

09.30 Uhr Helmut Hühn
Zeit und Form. Überlegungen im Ausgang von Hölderlins Gedicht Hälfte des Lebens 

10.30 Uhr Pause 

11.00 Uhr Dirk Oschmann
Innere Unendlichkeit. Zur Paradoxie einer Denkfigur um 1800 

12.00 Uhr Mittagspause 

13.00 Uhr David Wellbery
Zur Formfrage in Goethes Iphigenie auf Tauris

14.00 Uhr Jan Urbich
Schlussfiguren. Überforderungen der inneren Form in zwei Gedichten Goethes und Rilkes (Dornburg, Archaischer Torso Apollos) 

15.00 Uhr Pause

15.30 Uhr Daniel Carranza
Literaturgeschichte als Formproblem: Stefan Georges Reim 

16.30 Uhr Juliane Vogel
Überforderte Syntax. Hofmannsthals Chandos-Brief 

18.00 Uhr Abendveranstaltung: 

Dieter Burdorf
Hölderlins Zackern. Leistung und Überforderung der Odenform. 

20.30 Uhr Gemeinsames Abendessen

 

Sonntag, 24. Oktober

 

09.00 Uhr Frauke Berndt
Formen generischer Ambiguität

10.00 Uhr Jan Röhnert
“Aufforderung“ und „Entfaltung“. Die formalen Aporien des Expressionismus und der Dichter Wilhelm Klemm 

11.00 Uhr Pause

11.30 Uhr Heinrich Detering
Propheten im verbrannten Strauch: Weinheber und Hermlin 1940 

12.30 Uhr Mittagspause

13.30 Uhr Carsten Dutt
Gottfried Benn: Metaphysik und Melancholie der Form 

14.30 Uhr Matthias Löwe
„Du sollst Dir kein Bild machen!“ – Überforderung der Form in Arnold Schönbergs Oper Moses und Aron 

15.30 Uhr Pause

16.30 Uhr Peter Utz
Die „kleine Form“ des Feuilletons und ihre Überforderungen 

17.30 Uhr Eva Geulen
Klassizität als Effekt überforderter Form bei Peter Szondi 

18.30 Uhr Schlussdiskussion

20.00 Uhr Gemeinsames Abendessen

Tagungsidee

Die Idee zu dieser Tagung ging aus der hermeneutischen Erfahrung einer Diskussionsgruppe hervor, die sich an der University of Chicago ein Jahr lang der gemeinsamen Interpretation von zwischen 1750 und 1950 entstandenen poetischen Texten widmete (David Wellbery, Jan Urbich, Daniel Carranza, Simon Friedland). Wiederholt wurde dabei ein Phänomen beobachtet, das wir schließlich (vielleicht von der Assonanz bezaubert) mit dem Begriff Überforderung der Form erfassten. Zunächst fiel es an anspruchsvollen Texten von Goethe (Pandora) und Hölderlin (Brot und Wein) auf und wurde im Zusammenhang mit dem Darstellungsanliegen jener Texte gedeutet. Zunehmend wurde uns jedoch klar, dass solche Formemphase eine ausgezeichnete Möglichkeit poetischen Schreibens konstituiert, die mit der Herausbildung eines die eigenen Normen entwerfenden literarischen Kommunikationssystems entsteht. Als historisches Indiz der genannten Entwicklung können stellvertretend Formulierungen des jungen Goethe zitiert werden, an denen sich die mit der Autonomisierung der Kunst einhergehende semantische Aufladung des Formbegriffs erkennen lässt:

Es ist endlich einmal Zeit, daß man aufgehöret, über die Form dramatischer Stücke zu reden, über ihre Länge und Kürze, ihre Einheiten, ihren Anfang, ihr Mittel und Ende, und wie das Zeug alle hieß. […] Deswegen gibt’s doch eine Form, die sich von jener unterscheidet, wie der innere Sinn vom äußern, die nicht mit Händen gegriffen, die gefühlt sein will. […] Freilich wenn mehrere das Gefühl der innern Form hätten, die alle Formen in sich begreift, würden wir weniger verschobne Geburten des Geistes anekeln. […] Jede Form, auch die gefühlteste, hat etwas Unwahres, allein sie ist ein für allemal das Glas, wodurch wir die heiligen Strahlen der verbreiteten Natur an das Herz der Menschen zum Feuerblick sammeln.

Zwanzig Jahre später findet Goethes naturphilosophisch-metaphysische Formemphase in Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen ihr transzendentalphilosophisch begründetes Gegenpart. Form wird zum Sollgehalt, an dem sich der künstlerische Erfolg zu messen hat:

In einem wahrhaft schönen Kunstwerk soll der Inhalt nichts, die Form aber alles tun; denn durch die Form allein wird auf das Ganze des Menschen, durch den Inhalt hingegen nur auf einzelne Kräfte gewirkt. Der Inhalt, wie erhaben und weitumfassend er auch sei, wirkt also jederzeit einschränkend auf den Geist, und nur von der Form ist wahre ästhetische Freiheit zu erwarten. Darin also besteht das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters, daß er den Stoff durch die Form vertilgt; und je imposanter, anmaßender, verführerischer der Stoff an sich selbst ist, je eigenmächtiger derselbe mit seiner Wirkung sich vordrängt, oder je mehr der Betrachter geneigt ist, sich unmittelbar mit dem Stoff einzulassen, desto triumphierender ist die Kunst, welche jenen zurückzwingt und über diesen die Herrschaft behauptet.

Die Forschungsdiskussion der letzten Jahre hat zeigen können, dass die im Laufe der ästhetischen Moderne ausformulierten Begriffsbestimmungen der „Form“ eine Konstellation bilden, die sehr diverse, auch gegensätzliche Besetzungen des Formbegriffs aufweist. Dieses spannungsreiche semantische Feld konstituiert die konzeptuelle Grundlage des Phänomens, das unsere Tagung anvisiert. 

Die spezifische Fragestellung der Tagung bezieht sich allerdings nicht auf die inzwischen ausgiebig recherchierte Formtheorie. Ihr Gegenstandsfeld bilden zwar einerseits dichterische Werke, in denen Formreflexion ein herausgehobenes Strukturmoment der umfassenden Werkintention konstituiert. Im Speziellen aber interessieren uns dabei nur solche dieser Werke, an denen ein bestimmtes ästhetisches Phänomen, das wir als Überforderung der Form bezeichnen, zum Vorschein kommt. Ästhetisch-poetische Formen sind so verstanden reflexive Realisationen ihrer eigenen Problematisierungs- bzw. Problemlösungspotentiale: Wo sie nämlich in einen Grenzbereich ihrer Überforderung für bestimmte konkrete Darstellungsfragen eintreten, gehört es integral zu den Potentialen ihres Darstellungsgeschehens, das Jenseits ihrer spezifischen Darstellungsmöglichkeiten als Zielbereich einer aus ihnen erst zu bildenden Formanstrengung selbst auszuweisen und damit implizit zu reflektieren. Eine „überforderte“ Form exploriert implizit und indirekt an ihren bestehenden und geschichtlich erprobten Formmöglichkeiten neue Formpotentiale, deren Bedürfnisse an den etablierten Formen bereits durchbrechen und in diesem Rahmen doch noch nicht anders denn als Defizite, Abbrüche, Versagen etc. verwirklicht werden können. Sie erkundet im Raum bestehender Ausdrucksmöglichkeiten und Gestaltsemantiken der Form das Begehren nach neuen, bisher noch nicht bis zur Freiheit der Form entwickelten poetischen Mustern für den jeweiligen Stoff/ Gehalt, die als (noch) unerfüllbare Forderungen am Maß der etablierten Form in verschiedenen Weisen von produktiver Negativität sichtbar werden. Poetische Formen konsequent mittels eines dafür spezifisch geschaffenen kategorialen Instrumentariums von diesen Interferenzphänomenen her zu verstehen, erlaubt einen völlig neuen Blick sowohl auf ihre immanente Geschichtlichkeit als auch auf den Funktions- und Ausdruckszusammenhang ihrer jeweiligen formensprachlichen Elemente. Damit wird erst recht deutlich, wie Formkonsolidierung und Forminnovation untrennbar an Einzelwerken miteinander verschlungen sind und eigentlich nur als Übergangsphänomene existieren. Das wissenschaftliche Interesse des Themas liegt also nicht zuletzt darin, dass solche Formbetonung sehr unterschiedliche Ausprägungen aufweist, deren Beschreibung genuin neue Einsichten in literaturgeschichtliche sowie literaturästhetische Zusammenhänge ermöglicht. 

Die Beiträge der Tagung wollen Fälle der Formüberforderung (der exponierten Formreflexion, der intensiven Investition in Formzusammenhänge, des Formzitats, usw.) analysieren. Wir gehen mit anderen Worten davon aus, dass die in den einzelnen Beiträgen behandelten Texte als solche verstanden werden, deren genuine und wesentliche Leistungen auf den Bedingungen und Funktionen poetischer Form beruhen. Gleichzeitig aber gilt es, diese Form systematisch von einem bestimmten Grenzbereich her zu begreifen – von dort nämlich, wo sie (intendiert oder nicht intendiert) bezüglich ihrer formensprachlichen Möglichkeiten überfordert bzw. überanstrengt wird und somit in Gefahr gerät, partiell dysfunktional zu werden. Die Formbetonung bringt eine innere Spannung – eine Vibration – in das Werk ein, welche die Integrationsleistung der Form problematisiert und – gerade dadurch – sichtbar macht. Dichterische Form, so die These, kann nicht nur von einem Normalbereich, sondern auch von einem Grenzbereich ihrer Realisierung her verstanden werden. Der Zugriff auf Phänomene der zweiten Art gibt bestimmte wesentliche Eigenschaften und Funktionskontexte dichterischer Form überhaupt erst zu erkennen. 

Es gibt sicherlich interessante Beispiele der Formüberforderung, die der Zeit vor der Entstehung des modernen literarischen Kommunikationssystems entstammen, aber wir haben uns dafür entschieden, ausschließlich Texte aus dem Zeitraum (1750-1950) zu behandeln. Beispiele solcher Überforderungsphänomene finden sich in der modernen Literatur genug – ja es ist gerade die moderne Literatur, welche solche Exemplare dichterischer Form in großer Zahl hervorbringt und ‚Überforderung’ zur kontinuierlichen ‚Atmosphäre’ poetischer Produktion macht. Ob man an Hölderlins Forcierung der Liedform seit seinen Tübinger Hymnen, an die Formenabundanz von Goethes Faust II, an Jean Pauls zur schwebenden Empfindung aufgelöste Sätze oder an Kleists bis in die kleinsten Sprachpartikel semantisch aufgeladene Prosa denkt –: stets überschreiten die genannten Realisierungen poetischer Form den Möglichkeitsraum der ihnen zugrundeliegenden Formenarsenale und führen ihn an die Grenze seines reibungslosen Funktionierens. Hinzu kommen Reflexionsmomente, die Distanznahmen erfordern, Anspielungen, die intertextuelle Horizonte aufreißen, Sprachgebärden, welche die Aufmerksamkeit auf die präsemantische Schicht des Sprachmaterials lenken. Oft geht die Formüberforderung mit einem Gefühl der Spätzeit einher, markiert somit Traditionsbrüche oder den Verlust an praxistragenden Hintergrundannahmen. Für bestimmte literarische Bewegungen, z.B. den Symbolismus in der Nachfolge Mallarmés, ist der Begriff des Formkults angebracht. Experimentelle Texte gerinnen oft zu einer einzigen Formemphase. Schließlich wohnt der Aneignung von Formen aus anderen Sprachtraditionen ein Moment der Überanstrengung fast notwendig inne. Die Tagungsbeiträge wollen an konkreten Beispielen die Gründe, Hinsichten und Funktionen solcher Übertreibungs- und Zerreißungsphänomene erörtern. Das Thema bietet vielfache Möglichkeiten einer produktiven Verbindung von Textanalyse, theoretischer Reflexion und historischer Interpretation. 

Das Forschungsprogramm einer „Überforderung der Form“ erlaubt originelle Grundlagenforschung anhand literaturgeschichtlicher Einzelanalysen, um ein möglichst umfassendes Bild des Spielraums von poetischen Formen bzw. Formrealisierungen zu generieren. Mögliche konkrete Einzelfragen bzw. Fragekomplexe, die aus den poetologischen Schlussfolgerungen der hermeneutischen Analysen erwachsen, könnten dabei sein:

  1. Wie zeigt sich die Überforderung der Form konkret an einzelnen poetischen Werken bzw. Werkkomplexen? Welche modifizierten analytischen Mittel stehen zur Verfügung, um diese Elemente des Werkes angemessen zu beschreiben? Welche neuen Perspektiven auf das Sinngeschehen einzelner Werke lassen sich aus der Beobachtung solcher Überforderungsphänomene gewinnen?
  2. Welche autorspezifischen Beobachtungen hinsichtlich der Produktion von Literatur (Autorintention, Rhetorik der Werkproduktion etc.) lassen sich bezüglich der Überforderung der Form machen? Welche Regeln des „literarischen Feldes“ (Bourdieu) befassen sich mit der Produktion von Überforderungsphänomenen? Welche produktionspoetologischen Begriffe, Schemata, Selbstbeschreibungen und Techniken stehen zur Produktion dieser gemäßigten Regelbrüche zur Verfügung?
  3. Welche Gattungen bzw. Subgattungen zeigen sich geschichtlich in welcher Weise von Phänomen der Formüberforderung in besonderer Weise betroffen? Wie verändert sich das historische Verständnis der Funktionsweise von Gattungen in ihrem jeweiligen Kontext im Blick auf Überforderungsphänomene der Formen?
  4. Wie lässt sich das Phänomen der Überforderung der Form literaturgeschichtlich erfassen? Welche epochenspezifischen Konstellationen ergeben sich gerade im Blick auf die Literaturgeschichte der Moderne und ihren Innovationsdrang? Wie ändert sich das Konzept von Literaturgeschichtsschreibung überhaupt unter der Hinzunahme der Überforderungskategorie?

Teilnehmer:

 

Prof. Dr. Frauke Berndt, Universität Zürich

Prof. Dr. Dieter Burdorf, Universität Leipzig

Dr. Daniel Carranza, Harvard University

Prof. Dr. Heinrich Detering, Georg-August-Universität Göttingen

Prof. Dr. Carsten Dutt, University of Notre Dame

Prof. Dr. Eva Geulen, Humboldt-Universität und Zentrum für Literaturforschung, Berlin

Dr. Helmut Hühn, Friedrich-Schiller-Universität Jena

PD Dr. Matthias Löwe, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Prof. Dr. Dirk Oschmann, Universität Leipzig

Prof. Dr. Jan Röhnert, Technische Universität Braunschweig

Dr. Jan Urbich, Universität Leipzig/ Technische Universität Braunschweig

Prof. Dr. Peter Utz, Université de Lausanne

Prof. Dr. Juliane Vogel, Universität Konstanz

Prof. Dr. David Wellbery, University of Chicago

Veranstaltungszeitraum:

23. & 24. 10. 2021

Veranstaltungsort:

Universität Leipzig
Vortragssaal der “Bibliotheca Albertina
Beethovenstrasse 6
04107 Leipzig

Konzeption, Organisation und Leitung:

Prof. Dr. David Wellbery (University of Chicago, Department of German)
Dr. Jan Urbich (Universität Leipzig, Institut für Germanistik)

Kontakt:

wellbery [at] uchicago.edu
jan.urbich [at] uni-leipzig.de

Gefördert durch:

Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung